Ein Transrapid, der 2011 in Sachen Bildung an Neunkirchen-Seelscheid vorbeirauschte

Veröffentlicht am 02.05.2012 in Schule und Bildung
Karin Jagusch
Karin Jagusch

Liebe Eltern in Neunkirchen-Seelscheid,

am 26.04.2012 fand in der Aula der Hauptschule eine erste und schon gut besuchte Informationsveranstaltung zur Gesamtschule bzw. zur Sekundarschule statt. Weitere Veranstaltungen sollen in den drei Grundschulen der Gemeinde folgen. Was die Selbstdarstellung des Antoniuskollegs in diesem Zusammenhang sollte, blieb anwesenden Bekannten und mir allerdings schleierhaft.

Es geht momentan nicht darum, Konkurrenz zum Gymnasium in Neunkirchen zu schaffen, sondern in einer kleiner werdenden Gemeinde mit weniger Kindern unter anderem sicherzustellen, dass auch in Zukunft noch alle Schulabschlüsse der Sekundarstufe I in Neunkirchen erworben werden können.

Wohl deutlich mehr Eltern aus unserer Gemeinde – als bislang vom Bürgermeister für möglich gehalten – haben ihre Kinder an der Gesamtschule Much angemeldet. Für das kommende Schuljahr gab es lediglich 16 Anmeldungen für die Hauptschule. Nach einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster vom 04.08.2011 müssen Hauptschulen in NRW mindestens 18 Anmeldungen haben, um eine Eingangsklasse bilden zu können. Auch die Anmeldezahlen an der Realschule blieben unter den Erwartungen der Gemeindeverwaltung aus dem vergangenen Jahr. Darüber hinaus wird der dritte Zug ohnehin von Kindern mit auswärtigem Wohnort gebildet.

Kinder, die nach dreieinhalb Schuljahren eine Empfehlung für das Gymnasium erhalten, haben die Zielsetzung „Abitur“, unabhängig davon, ob sie dieser Zielsetzung gerecht werden oder ein Studium anschließen, wofür das Abitur Voraussetzung ist. Die Durchlässigkeit des dreigliedrigen Schulsystems, die immer beschworen wird, geht in Deutschland im Kern nur von oben nach unten. Auf einen „Aufsteiger“ zum Gymnasium, kommen zwölf „Absteiger“ zur Realschule. Schon diese Bezeichnungen sind fürchterlich. Denn noch einmal, auch die Kinder ohne gymnasiale Empfehlung liegen mir am Herzen. Was können die Kinder dafür, die ihre Kindheit genießen durften, während andere im Kindergartenalter schon Klavier spielen oder eine Fremdsprache lernen mussten?
Im Übrigen ging es auch einem Giovanni Bosco vor rund 170 Jahren im norditalienischen Turin weniger um „Privilegierte“, sondern um Kinder, deren Eltern sich Bildung nicht leisten konnten.

Glücklicherweise haben seit dem Regierungswechsel vor zwei Jahren wieder die Eltern ein Mitspracherecht, welche weiterführende Schule von den eigenen Kindern besucht werden soll. Und immer mehr Eltern entscheiden sich für die Gesamtschule, weil dort das längere gemeinsame Lernen wie in den Grundschulen zunächst fortgeführt wird. „Abschulen“ und „Sitzenbleiben“ bis zur 9.Klasse finden nicht statt. Ein „Aufsteigen“ ist nicht erforderlich, da auch das Abitur nach 13.Schuljahren ohne weiteren Schulwechsel absolviert werden kann.

Die Sekundarschule – ohne eigene Oberstufe – ist ein fauler Kompromiss. Neunkirchen-Seelscheid ist reif für die Gesamtschule wie ein Apfel, der gepflückt werden muss. Man sollte ihn nicht verfaulen lassen!

Karin Jagusch
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